Das Labyrinth der Träumende Bücher – Walter Moers

Passenderweise sollte diese Rezension zum Erscheinen des Buches „Das Schloss der Träumenden Bücher“, dem letzten Teil der Buchhaim-Trilogie verfasst werden, nachdem dieses jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben worden ist1, kann ich diese Idee getrost vergessen. Stattdessen gehe ich aber auf die Reaktionen ein, die dieser Roman hervorgerufen hat. Obwohl Moers sowohl vom Publikum als auch vom Feuilleton wohlwollend aufgenommen wird, kann man die Rezeption von „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ nur als negativ ansehen, wobei es natürlich auch Ausnahmen gibt. Für mich stellt sich unweigerlich die Frage, ob dieser Roman wirklich so schlecht ist, oder doch die Verteidiger Recht haben.

Ich selbst besitze lediglich das Hörbuch, welches aus zwei MP3-CDs besteht. Das erwähne ich aus einem einzigen Grund: Solange ich nur die erste CD betrachte, fällt mir grundsätzlich, solange ich mich nicht auf die Gesamtkonzeption des Romans beziehe, kein negativer Aspekt ein. Hildegunst von Mythenmetz erhält, in klarer Anlehnung an den ersten Teil, einen Text, der absolut unterirdisch ist, dabei aber seinen eigenen Stil, der in den letzten Jahren aufgrund von Mythenmetz‘ Stolz und Überheblichkeit mit miserabel noch wohlwollend umschrieben ist, bis ins kleinste Detail kopiert. Letztlich bewegt ihn ein kurzer Satz am Ende dazu, den Autor des Texts, wie schon im ersten Teil, ausfindig zu machen: Der Schattenkönig ist zurückgekehrt.

Wie ich es auch drehe und wende, es bleibt dabei: Dieser Einstieg ist absolut stimmig gewählt. Bewusst bezieht er seine Inspiration aus dem Vorgänger, ohne ihn plump zu kopieren. Zuvor ging es darum, den besten Autor, den Mythenmetz je gelesen hat, zu finden. So konnte er dann selbst das Orm, wie in den Moersen Büchern die wahre Inspiration eines Autors genannt wird, finden. Jetzt muss er es jedoch neu entdecken, wiederfinden. Also wandelt sich seine Expedition in die Stadt der Träumenden Bücher in ein zunehmend persönliches Unterfangen, das mehr der Charakterbildung als allem anderen dient.

Selbst wenn Mythenmetz endlich in Buchhaim ankommt, bleibt dieses positive Gefühl aufrechterhalten. Freilich nimmt sich die Handlung etwas zurück und stellt sich hinter die Beschreibung der Stadt – das geschah auch so im Vorgänger (beispielsweise bei Mythenmetz‘ ersten Ankommen oder sein Besuch bei den Buchlingen). Es ist aber auch nur natürlich, über Buchhaim Neues zu erfahren, schließlich ist sie uns, zumindest gehe ich bei den Bücherliebhabern davon aus, ans Herz gewachsen und wir haben sie ca. 200 Jahre nicht gesehen. So ist der Leser durch die Beschreibungen des Brandes von Buchhaim am Ende des ersten Bandes von Ovidios ebenso fasziniert, wie Hildegunst vom Autor beschrieben wird. Vielleicht ist Moers im Kapitel „Bibliodies, Bibliodas“ etwas zu verspielt, doch kann man hier weder von Langeweile noch von fehlender Kreativität sprechen. Sogar die Fremdenführer, die als einzige auch nur im Entferntesten an den Charme der Buchlinge herankommen, sind mit einer netten Idee bespickt, welches das Kapitel „Alles in Fraktur“ im Nu vergehen lässt.

Das Treffen zwischen dem Eydet Hachmed Ben Kibitzer, der Schreckse Inea Anazazi und Mythenmetz war unausweichlich und findet bei mir keine Beanstandung, weswegen ich darauf wenig Zeit verwenden möchte. Bis hierhin scheint also alles zu funktionieren und ein stimmiger, ja sogar guter Roman entstanden zu sein. Wo hapert es also?

Manche meinen, die Aufführung, und daraus folgende Zusammenfassung, der „Stadt der Träumendne Bücher“ sei der Tiefpunkt. Obwohl ich die Argumentation verstehen kann, schließlich wird hierbei nicht die Handlung weiterbefördert2, trotzdem stimme ich ihr nicht zu. Für jemanden wie mich, der sich gerne mit Adaptionen befasst, sind die Kommentare von Moers zu diesem Thema, denn um nichts anderes handelt es sich, wenn Mythenmetz die Aufführung mit seinem Werk vergleicht, zu faszinierend, um sie so abzutun. Zugegebenermaßen hilft hierbei die Vertonung durch den kongenialen Andreas Fröhlich und ich gebe auch zu, dass die Szene etwas lang geht.

Zweifelsohne lässt sich der Fehlschlag des Werkes aber mit einem Wort zusammenfassen: Puppetismus, eine fortgeschrittene Variante des Puppentheaters. In der zweiten Hälfte des Buches befasst sich Mythenmetz obsessiv mit dieser Kunstform – und lässt die Handlung erstochen mit einem Dolch hinter sich. Es gibt keine Beschönigung dieser Tatsache: Es handelt sich um eine ermüdende Zusammenfassung einer erdachten Kunstrichtung, wobei, freilich, etliche Anspielungen auf reale Theaterströmungen verarbeitet wurden. Das war bei den Buchlingen nicht anders, diese waren aber darüber hinaus auch so liebevolle Geschöpfe. Wer die literarischen – oder soll ich sagen „intertextuellen“? – Referenzen versteht, hat einen Mehrwert. Wer sie aber nicht versteht, verliert in dem Sinne nichts. Beim Puppetismus ist das anders. Wenn ich die Referenz nicht verstehe, bleibe ich auf der Strecke und lese eine trockene Beschreibung. Selbst wenn ich sie verstehe, bleibt es für mich auf der faktischen Ebene des Erkennens einer Anspielung. Beispielsweise habe ich erkannt, dass der schrecksimistischer Puppetismus eine Anspielung auf „Warten für Godot“ darstellt, wirklich Freude habe ich daran nicht gewonnen. Es fehlt die den Buchlingen innewohnende Zelebration des Themas.

Das Ende gehört nicht nur zu den gewagtesten Cliffhangern überhaupt, es stellt auch eine klare Ohrfeige für den Leser dar. Wenn die letzten Worte lauten „Hier fängt die Geschichte an“ kommt einem unweigerlich die Frage: Was sollte das eigentlich?

Zuerst dachte ich, es handle sich soweit um ein postmodernes Werk, dass hier dem Leser ein Werk eines Autors in einer Schreibkrise vorgelegt wird (hierbei ist freilich zu beachten, dass dies zwingenderweise keinen Kritikpunkt entkräftet, im Gegenteil diese voraussetzt). Das scheitert an zwei Punkten. Erstens ist der schreibende Mythenmetz nicht in einer Schreibkrise,  nur der beschriebene Mythenmetz. Das wird deutlich am Anfang ersichtlich, wo Hildegunst gekonnt und mit erstaunlicher Selbstkritik, die ihm laut Handlung an dieser Stelle noch nicht inne sein konnte, sein eigenes Schaffen gnadenlos kritisiert. Zweitens ist der erste Teil, wie beschrieben und voller Ironie, viel zu gut.

Andererseits könnte es auch das Manuskript des Vorgängers, welches auch eine Schreibkrise thematisiert, entfiktionalisieren wollen. Hier scheitert es daran, dass niemand dem Roman diese Qualitäten zuschreiben würde, mich da mit eingeschlossen. Zwar habe ich Lob gehört, dieses fokussierte sich aber weniger auf den inhärenten Qualitäten und vielmehr auf den postmodernen Spielereien, die man im Roman findet. Anders gesagt: Wäre das der Weg gewesen, bräuchte man keine Interpretation, um das Werk zu mögen, es wäre schlicht unwiderstehlich gut.

So bleiben die Leser mit einer Menge Fragezeichen zurück, die auch daraus resultieren, dass man die Intention des Autors nicht kennt, und somit nicht beurteilen kann, ob er „einfach so“ gescheitert ist, oder ob das gewollt war (was natürlich immer noch berechtigterweise als Scheitern zu deklarieren ist). Auch glaube ich nicht, dass Moers, wie ich es andern Ortes gelesen habe3, jedes Mal bei einer negativen Kritik schmunzelt. Wie eingangs beschrieben, wird er sonst eigentlich von allen Seiten überwiegend positiv bewertet, wenn also eines seiner Bücher so abschmiert, kann die Schuld kaum sämtlich auf das Unverständnis des Lesers schieben. Vielleicht haben sie ja sehr gut verstanden und sind weitsichtiger als der Autor.

Letztendlich zerschellen für mich auch sämtliche Verteidigungen des Romans an den Worten des Autors selbst. Dieser bezeichnet „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ als Ouvertüre, gibt damit offen zu, die eigentliche Geschichte folge erst. Jede Ansicht, die eine miserable Qualität des Romans postuliert, um dies als gewagte Intention darzustellen, darf getrost ignoriert werden, schließlich unterstützt das Werk diese nicht. So bleib folgendes Fazit: „Die Stadt der Träumenden Bücher“ war eine Zelebration des Buches und die Kultur darum; was „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ sein will, weiß ich nicht. Während der Vorgänger den Balanceakt zwischen Zelebration und Handlung, sodass die Geschichte immer zwar Ruhepausen erhielten, aber immer im richtigen Moment wieder ansetzte. Der Fortsetzung fehlt dieses artistische Gespür und ist hemmungslos in seiner Obsession mit erdachten Kunstformen

1Nachzulesen hier
2In meiner Zählweise ist seit einer CD nichts mehr passiert.
3http://romanfresser.de/das-labyrinth-der-traeumenden-buecher-walter-moers/

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