Harry Potter: Gut oder Böse?

Vor einiger Zeit hat es sich begeben, dass ich von Gabriele Kubys Kritik an den „Harry Potter“-Büchern erfahren habe. Eigentlich würde mich das nicht länger beschäftigen. Kritik darf jeder üben und man muss nicht alles lieben. Zudem verbindet mich zwar einiges mit dem Zauberlehrling (ich habe die Bücher gelesen, ab Teil vier alle Filme im Kino gesehen, liebe die von Rufus Beck gelesenen Hörbücher und der siebte Band war das erste Buch, das ich auf Englisch gelesen habe), aber heutzutage gehören sie nicht mehr zu meinen absoluten Favoriten. Als ich jedoch den Vorwurf las, es werde ein auf 30 Seiten beschriebenes satanisches Blutritual als normaler Alltag beschrieben, reagierte ich mit einer Mischung aus Entsetzen und Verwirrung. Ich musste mir den Vorwurf mal im Detail anschauen.

Meine Ausführungen stützen sich dabei auf das Buch Harry Potter: Gut oder Böse – Schwerpunkt Band V von Gabriele Kuby, wobei ich einzelne Gedanken aus dem Vorgänger Harry Potter – Der Herr der Ringe: Unterscheidung tut not1, welches sie mit Michael Hageböck zusammen geschrieben hat, übernehmen werde (Seitenangaben beziehen sich auf ersteres, wenn es das zweite ist, weise ich durch ein Utn darauf hin).

Zu Anfang will ich aber noch auf etwas anderes eingehen. Ursprünglich bin ich auf Kuby gekommen, weil nach ihr Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., Kritik an den Potter-Büchern geübt haben soll. Unweigerlich kommt man damit auf den Brief, den Kardinal Ratzinger an Frau Kuby schrieb. Dieser wird – nicht nur – von Frau Kuby ausgiebig zitiert, was auch daran liegt, dass man ihn ausgiebig zitieren muss, da er nicht viel Inhalt enthält2. Dr. Jeff Mirus und Steven D. Greydanus haben das ganze aus meiner Sicht ganz gut zusammengefasst. Es wird eine unverbindliche Antwort des Kardinals, die offen lässt, ob er Frau Kubys Werk oder die Potter-Bücher selbst überhaupt gelesen hat, zu einer lehramtlichen Aussage stilisiert, die der Brief aufgrund seiner fehlenden Details schlicht nicht hergibt.

Problematisch an dem Buch ist einfach, wie viel daran falsch ist. Im Grunde müsste ich jede einzelne Seite ansprechen, da sie entweder eine Textstelle falsch darstellt, aus dem Kontext reißt oder einfach den Büchern eine negative Konnotation unterstellt. Einzige Ausnahme sind die Kapitel über das Böse allgemein (S.89-98), welche zwar die Lehre der Katholischen Kirche zum Thema Teufel und das Böse zusammenfassen, aber keinerlei Bezug zu den Potter-Büchern aufbauen. Allerdings wäre es mühsam und wohl auch dem Leser schwer zumutbar, jede Stelle zu erwähnen. So belasse ich es dabei, das allgemeine Missverständnis von Frau Kuby zu beschreiben, um dann eine Art Best of der krassesten Fehler aufzuführen.

Über allem schwebt eigentlich die Behauptung Kubys, sie habe die Bücher gründlich gelesen (S. 19). Betrachtet man die elementaren Fehler, die ihr unterlaufen, klingt diese Aussage wie eine Herausforderung, sämtliche Fehler zu entdecken.

Lange Zeit habe ich nicht begriffen, was Frau Kuby eigentlich gegen Harry Potter hat. Sie redet zwar von Satanismus und Magie, aber erst nach einer Weile realisierte ich, dass sie einfach die Zauberei in der Potter-Welt mit der Magie in unserer Welt miteinander vermengt. Allerdings ist die Magie bei Harry Potter einfach eine angeborene Eigenschaft, ebenso unauffällig wie Kopfrechnen in unserer3. Tatsächlich wird das im zeitlich ersten Werk besonders klar. Hier schreibt sie: „[…] und sie sind wohl auch heute noch alarmiert, wenn ihre jugendlichen Kinder sich auf okkulte Praktiken einlassen wie Gläserrücken, Wahrsagen , Geisterbeschwörung, Drogenexperimente bis hin zu satanischen Ritualen. All das ist Alltag in der Welt von Harry Potter.“ (Utn, S. 26) Hieran ist dann auch Kardinal Ratzingers Brief zu verstehen: Sollten diese Dinge tatsächlich in dem Buch so beschrieben werden, ist es zu verurteilen. Jedoch erlaubt sich die Autorin hier eine gehörige Freiheit.

Was ich generell faszinierend finde, ist, wie hier gegen okkulte Praktiken gewettert wird, wenn meine lokale Buchhandlung schon in meiner Kindheit mehr Esoterik anbot, als in den Potter-Büchern vorkommt: Pendel, Heiledelsteine, Engelkarten (mein persönliches Hassstück), Edelsteinorakel, um nur einige Beispiele zu nennen.

Gläserrücken und Geisterbeschwörungen kommen nie in den Büchern vor. Geister zwar schon, aber sie sind einfach da und werden nicht beschworen. Drogenexperimente, in dem Sinne, mit Stoffen einen erweiterten Bewusstseinszustand zu erreichen, ergeben ebenso eine Fehlanzeige. Wahrsagen hingegen wird als Fach in Hogwarts gelehrt. Interessanterweise entwickelt sich bei den Helden der Reihe schnell die Meinung, die Lehrerin in diesem Fach sei eine Hochstaplerin. Die klassischen Methoden – Teeblätterlesen, Handlesen, Kristallkugellesen, etc. – werden mehr oder weniger ad absurdum geführt. Lediglich eines scheint vollends echt – wenn Professor Trelawney in eine Art Trance verfällt und völlig akkurate Aussagen trifft, was dann am ehesten noch der prophetischen Rede ähnelt.

Mit einer Sache macht sie sich übrigens völlig lächerlich und das ist ihre Behauptung, die Potter-Bücher würden eine Trance erzeugen. Freilich erklärt sie nie, wie dies geschieht, aber sie vertraut einfach dem Leser, die Verknüpfung zur erhöhten Suggestibilität selbst herzustellen. Gerade in Bezug auf Kinder funktioniert das natürlich blendend. Problematisch ist dabei nur, dass eine Trance ein Zustand der äußersten Entspannung ist, der mit verschiedenen Methoden erreicht werden kann (freilich nicht bei allen und die meisten Persönlichkeitsstrukturen sind tatsächlich unempfänglich für solch einen Zustand). Welche das hier genau sein soll, bleibt offen. Hypnose wird es schließlich kaum sein. Die ganze Sache schwebt im luftleeren Raum und man ist zu der Frage gezwungen, ob die Autorin das überhaupt ernst gemeint hat.

Gerne wiederholt die Autorin, Harry sei in Band V von Voldemort besessen (S. 21, 53, 123, 147). Das ist übrigens auch Harrys Glaube, bis ihn seine Freunde vom Gegenteil überzeugen. Nachdem sie ihn ein wenig ausgefragt hat, konstatiert Ginny schlicht: „Dann warst du nie von Du-weißt-schon-wem bessen“ (V, 587). Es wirkt schon tragikomisch, wenn man Kuby die Tatsachen verdreht und man ihr dieselben Gegenargumente an den Kopf werfen muss, wie die Romanfiguren Harry: “ ‚Du hast dein Bett nicht verlassen, Mann‘, sagte Ron“ (V, 588).

Den Namen „Voldemort“ übersetzt Kuby als „der den Tod will“. Nicht nur, dass der Name französisch für „Flug des Todes“ ist (sie sieht „vol“ als Stamm des Verbes „voluntare“) ist, es ergibt auch schlicht keinen Sinn, dieser Figur einen Todeswunsch anzudichten. Voldemort ist in der gesamten Buchreihe der einzige, der dem Tod entkommen möchte (er erwähnt es nach seiner Rückkehr in IV,677; aber die späteren Bände gehen noch detailliert auf seine Schritte zu diesem Zweck ein).

Weiterhin stellt Kuby den Stein der Weise als Irreführung (S. 55) dar, da er Gold und ewiges Leben verspricht, obwohl dies nicht der Weg der Weisen sei. An dieser Stelle fragt man sich, ob die Autorin den Leser für dämlich hält. „Stein der Weisen“ ist ein fester Begriff aus der Alchemie, den J.K. Rowling schlicht übernommen hat. Und dass der Stein eben nicht die Erfüllung aller Herzenswünsche ist, erwähnt Dumbledore im fraglichen Roman selbst.

Die nächste Stelle ist an Idiotie nicht zu überbieten: „Nachdem Voldemort im IV. Band Harrys Blut getrunken hat, verneigt sich Harry vor Voldemort. Gewiss, er wird dazu gezwungen, aber er tut es, das heißt, er erkennt die Herrschaft Voldemorts an.“ (54) Man möchte meinen, die Stelle sei klar genug, aber ich wiederhole sie gerne nochmal: “ ‚Ich sagte, verneige dich‚, sagte Voldemort und hob den Zauberstab – und Harry spürte, wie sich sein Rückgrat krümmt, als ob eine riesige unsichtbare Hand ihn gnadenlos zur Erde drückte, und jetzt lachten die Todesser noch lauter.“ (IV, 690) Also gebraucht Voldemort einen Zauber, um ihn eine Verneigung machen zu lassen. Würde man wirklich jemanden unterstellen, eines anderen Herrschaft anzuerkennen, wenn seine Lakaien mich zu einer Verneigung zwingen würden? Natürlich, wenn man nach jedem Strohhalm greift, um Gegenargumente zu sammeln.

Die nächsten Kommentare sind schlicht bizarr, denn nun sind es nicht mehr kleine Details, sondern ganze Zusammenhänge, die nicht erkannt werden. Im fünften Teil besuchen Harry und seine Freunde unter anderem das Krankenhaus der Zauberer, St. Mungo’s. Hier befinden sich auch die Eltern Nevilles, die von Todessern bis zum Wahnsinn gefoltert worden sind. Neville besucht diese mit seiner Großmutter. Frau Kuby unterstellt nun, es gebe keinen Grund für Nevilles Großmutter hier zu sein (S. 127). Dabei wird explizit erwähnt, dass die beiden ebenfalls als Besucher dort sind (V, 602).

Bei einer der Todesserinnen, die an der Folter von Nevilles Eltern beteiligt war, handelt es sich übrigens um eine Kusine von Sirius Black. Frau Kuby unterstellt dann, Sirius hätte sich nie von dieser distanziert (S. 127), dabei stellt er sich sein ganzes Leben gegen seine Familie und sagt sogar direkt zu Harry: „Glaubst du, ich bin stolz auf eine solche Verwandte?“ (V,139)

Bizarr genug? Nö, es geht besser. Sie unterstellt plötzlich, Voldemort sei von Anfang an mit seinen Todessern im Ministerium (S. 140). Er rede mit Harry, der eigentliche Grund für Harrys Kommen, Sirius, gehe vergessen und nehme aus unerfindlichen Gründen die Prophezeiung nicht selbst. Diese Stelle hat mich so dermaßen verwirrt, dass ich fragte, ob Frau Kuby vielleicht eine andere Version gelesen hat. In der richtigen Version ist es nämlich Lucius Malfoy, der die Prophezeiung für Voldemort von Harry besorgen soll. Voldemort taucht erst weit später auf. Sirius geht übrigens keineswegs unter, Harry fragt nach ihm (V, 917) und Malfoy klärt ihn auf, er solle lernen Traum und Realität zu unterscheiden (V, 918). Warum hat niemand anderes die Prophezeiung an sich genommen? Weil nur diejenigen das tun können, die sie betrifft, in diesem Falle also Harry und Voldemort. Letzterer tat es nicht, weil er nicht anwesend ist.

Eine letzte Ungenauigkeit, die zwanghaft einen antichristlichen Affekt in die Reihe interpretieren will. Der Folterfluch, „Crucio“, wird von Frau Kuby mit „Ich kreuzige!“ übersetzt. Zwar kann ich kein Latein, aber mein Lateinwörterbuch gibt als Übersetzung martern, quälen vor.

Wenn ich ähnlich wie Frau Kuby zu Werke gehen würde, könnte ich einfach folgendes zitieren: „Dem Kritiker geht es nicht um eine wahrhaftige Darstellung, sondern er sucht sich aus dem Stoff das heraus, was seine vorgefertigte Meinung untermauert.“ (Utn, S. 54) An dieser Stelle gibt sie doch klar zu, wie sie tickt. Natürlich bleibt dabei unerwähnt, dass sie an dieser Stelle ein Gegenargument zusammenfasst und dieses auch zu widerlegen versucht. Die Redlichkeit gebietet, dass ich das erwähne, zumindest, wenn man dem Text gegenüber fair sein möchte.

Zu guter Letzt möchte ich noch auf Derivat von Kubys Buch eingehen: Michael O’Briens Harry Potter and the Paganization of Culture. Eigentlich wollte ich hierfür einen eigenständigen Artikel schreiben, musste jedoch einsehen, dass das Buch, trotz stolzer 278 Seiten, wenig bis gar nichts enthält, womit man arbeiten könnte. Frau Kuby wird wenigstens an mancher Stelle konkret, wodurch ich den Text widerlegen kann. Doch bis auf die Zusammenfassung der Handlung schreibt O’Brien sehr allgemein über die Vergehen der Potter-Bücher. Ständig wird wiederholt, die Bücher würden okkulte Praktiken zeigen. Wie diese aussehen, beschreibt er frustrierenderweise nie. Hingegen verbringt er ein ganzes Kapitel damit, die Mär von Kardinal Ratzingers Widerstand gegen die Potter-Bücher aufzubauen, die ich ja oben schon besprochen habe. Dabei wirkt es schon fast tragikomisch, dass O’Brien seine Lieblingskritik an der modernen Kinderliteratur nicht anwenden kann. In seinem Buch A Landscape of Dragons bespricht er, wie traditionelle Symbole für Gut und Böse verwischt werden. Exemplarisch erfolgt diese Analyse an dem Film Dragonheart4. Der Drache sei jeher ein Beispiel für das Böse. In diesem Film jedoch sei er ein Held, wodurch Kinder in ihrer Bildung verwirrt werden.

Grundsätzlich empfinde ich diese Kritik zwar als interessant, letzten Endes ist sie aber überzogen, denn hier wird ein Kulturkreis zu mehr erhoben, als er ist. Was hat das aber nun mit Harry Potter zu tun? Nun, Drachen kommen in Teil vier ganz klassisch als Gegenspieler in der ersten Aufgabe eines magischen Turniers vor, womit Rowling bereits kulturell stimmiger agiert als beispielsweise das Bistum Limburg.

Zwei weitere Beispiele sollen genügen. Das Zeichen der Guten ist der Phönix, der für Dumbledore selbst steht und eben auch den Orden des Phönix. Dieser ist ein Symbol, das im Mittelalter für Christus oder die Auferstehung stand. Dahingegen werden die Bösen, Voldemort und Slytherin, durch die Schlange symbolisiert. Die Verbindung zu Genesis 3 und den Sündenfall sollte klar sein.

Alles in allem handelt es sich bei der ganzen Sache um ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn man ein Werk im Vorhinein verteufelt und nur nach passenden Beispielen dafür sucht

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1 Das Tragische daran ist freilich, dass der von Hageböck über den „Herrn der Ringe“ geschriebene Teil mit Kubys Buch verbunden wird, denn dieser Teil ist definitiv lesenswert. Gerade über die Poesie in Tolkiens Werk (S. 107-113) schreibt Hageböck sehr gelungen. Obwohl ich letzten Endes immer noch Bradley J. Birzers Tolkien’s Sanctifying Myth oder Joseph Pearce‘ Tolkien: Man and Myth diesem Buch vorziehen würde.

2Der Spötter in mir möchte anmerken, dass er darin dem zu besprechendem Werk gleicht.

3Andererseits ist das in einer Welt der Taschenrechner wohl doch ein ungutes Beispiel…

4 Wobei mir schon diese Fixierung auf einen kaum bekannten Film fraglich erscheint.

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Literatur

Michael D. O’Brien, A Landscape with Dragons: The Battle for Your Child’s Mind, Ignatius Press, San Francisco 1998

Gabriele Kuby, Michael Hageböck, Harry Potter – Der Herr der Ringe: Unterscheidung tut not, Fe-Medienverlag, Kisslegg 2002

Gabriele Kuby, Harry Potter: Gut oder Böse? – Schwerpunkt Band V, Fe-Medienverlag GmbH, Kisslegg 2003

Michael D. O’Brien, Harry Potter and the Paganization of Culture, Fides et Traditio Press, Rzeszów, Polen 2010

Ein Kommentar zu „Harry Potter: Gut oder Böse?

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