Nette Leute

Nette Leute

Da ich am Sonntag eine grandiose (lies: unbrauchbare) Predigt zur Perikope des Evangeliums (die wunderschöne Stelle bei Joh 8,2-11 – und wir durften Steine befühlen) hören durfte, möchte ich an dieser Stelle eine Auslegung von Fulton Sheen in eigener Übersetzung präsentieren. Ich zitiere aus Fulton J. Sheens ‚Life is Worth Living‘ pp. 217-222, das Kapitel ‚Nice People‘. Am Ende findet sich das Video mit der Folge der Fernsehsendung, auf dem das Buchkapitel basiert.

Dieses Thema kann mit der Geschichte des Egoisten, der zum Arzt ging und sich über Kopfschmerzen beklagte, eingeführt werden. Während der Untersuchung fragte der Arzt: „Fühlen Sie einen quälenden Schmerz in der Stirn?“ „Ja“, antwortete der Patient. „Und einen eher pochenden Schmerz am Hinterkopf?“ „Ja.“ „Und einen stechenden Schmerz hier an den Seiten?“ „Ja.“ Der Arzt erklärte: „Ihr Heiligenschein sitzt zu fest.“

Der Sinn ist, dass heutzutage fast jeder glaubt, er habe einen Heiligenschein. Wenn er nicht von Tugend kommen, so kommt es wenigstens vom Shampoo. Mark Twain sagte einst: “ Wenn ich über die Zahl von unangenehmen Leuten nachdenke, bei denen mir gesagt wird, sie seien in einer besseren Welt, neige ich dazu, ein anderes Leben zu führen.“

Wir müssen einen Unterschied machen zwischen ’netten‘ Leuten und ’schrecklichen‘ Leuten.

Die netten Leute glauben sie seien gut; die schrecklichen Leute wissen, dass sie es nicht sind. Die netten Leute glauben nie, sie würden etwas falsch machen oder ein Gebot brechen oder sie seien eines Verstoßes gegen das moralische Gesetz schuldig. Wenn sie etwas tun, das die Vernunft falsch nennen würde, haben sie verschiedene Wege, es wegzuerklären. Gutes ist ihr eigenes, aber Schlechtes basiert auf etwas außerhalb von ihnen. Manche sagen, es sei aufgrund der wirtschaftlichen Umstände: einer wird sagen, er sei zu reich geboren, ein andere, er sei zu arm geboren worden. Psychologie ist auch praktisch, um Fehler wegzuerklären, zum Beispiel „Ich habe einen Ödipuskomplex“, oder einen „Elektrakomplex“ oder „Ich habe einen Minderwertigkeitskomplex“.

Die schrecklichen Leute hingegen sind allgemein nicht reich genug, um sich eine Psychoanalyse zu leisten; sie wurden nie ihrem Unterbewusstsein vorgestellt und sie glauben, sie seien schlicht schlecht. Die netten Leute beurteilen sich nach den Lastern, die sie nicht haben; die schrecklichen Leute beurteilen sich nach den Tugenden, die sie nicht erreichen. Wenn eine nette Person jemanden etwas tun sieht, das er als falsch ansieht, kritisiert er; wenn eine schreckliche Person jemanden dem Tode auf dem Schafott entgegengehen sieht, sagt er mit dem heiligen Philipp Neri „Da gehe ich, wenn nicht die Gnade Gottes wäre“. Wenn eine nette Person wirklich sündigt, sagt sie: „Was ein Narr ich bin.“ Wenn eine schreckliche Person wirklich sündigt, sagt sie: „Was ein Sünder ich bin.“

Die netten Leute folgen stets der Ethik des sozial Orthodoxen, oder Konvention. Sie verlieren weniger Schlaf über eine gefälschte Einkommenssteuererklärung als über das Tragen einer weißen Krawatte statt einer schwarzen zu einem Fest oder sind über die grammatischen Fehler des Predigers empörter als über seine falsche Doktrin. Vornehmheit und Respektabilität bilden einen großen Teil seiner Gutheit und soziale Konvention erhält die Macht von göttlichen Geboten; was respektabel oder gewöhnlich ist, ist nicht falsch. In einer Welt lebend, in der Scheidungen verbreitet sind, werden die netten Leute sagen: „Nun, alle tun es, also ist Scheidung richtig.“ Die netten Leute glauben, sie gingen gerade, weil sie in den besten Kreisen reisen; die schrecklichen Leute sind jene, deren Laster offen sind und die für gewöhnlich unter der Ebene der sozialen Konvention sind. Wenn nette Leute alle Gebote Gottes brechen, sagen ihre Freunde: „Sie ist so nett“ oder „Er ist so nett“; wenn schreckliche Leute ein paar der Gebote Gottes in einem stärkeren Maße brechen, werden sie als „niedrig und nicht vornehm“ gebrandmarkt. Nette Leute lieben es, Skandale über fiese Leute zu lesen, weil es sie sich so gut fühlen lässt. In Wahrheit sind die netten Leute jene, deren Sünden noch nicht herausgefunden worden sind; die schrecklichen sind jene, deren Sünden herausgefunden worden sind.

Die Gesellschaft hat keinen Platz für jene, die entweder zu gut oder zu schlecht sind. Es sind nur die mittelmäßigen, die überleben. Darum wurde Unser Herr auf dem Kalvarienberg mit zwei Dieben gekreuzigt. Oft machte sich Unser Herr mit ‚diesen schrecklichen Leuten‘ gemein. Er erzählt die Geschichte des verschwenderischen Sohnes, der seinem tugendhaften Bruder vorgezogen wurde. Er lobt einen Sohn, der rebellierte und Reue zeigte, anstatt des Sohnes, der loyal blieb und dann fehlschlug. Er frohlock aufgrund des verlorenen Schafes und der verlorenen Münze, die wiedergefunden wurden, denn das Evangelium, das er predigte war keine Verurteilung des offensichtlich schlechten, sondern vielmehr eine Verurteilung des offensichtlich Guten.

Einer der schönen Momente in Seinem Leben ist mit den netten und schrecklichen Leute befasst. Es passierte, nachdem Unser gesegneter Herr eine Nach des Gebetes am Olivberg verbrachte und dann früh am Morgen in den Tempel wegen des Laubhüttenfestes kam. Da sich Zehntausende Leute in der Stadt versammelten, ist nicht unwahrscheinlich, dass in der Freude des Festes einige Fälle des Exzesses oder grobe Verletzungen der Moral gab.

Wie auch immer, die sehr netten Leute, die Schriftgelehrten und Pharisäer, fanden eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Es war interessant, dass sie die Frau im Ehebruch ertappten und dabei weniger von dem Entsetzen über die Sünde angetrieben worden sind, sondern von einem Bedürfnis Unseren Herrn mit seinen Worten zu fangen und verstricken. Sie schleppten sie aus ihrer Abgeschiedenheit und brachten sie zu dem heiligen Tempel, wobei die unverschleierte, zerzauste, zu Tode erschreckte Frau der kalten und wollüstigen Neugierde ihrer bösartigen Bekannten.

Die Anklage gegen die Frau wurde so formuliert, dass eher Er als die Frau angeschuldigt wurde und es so schien, als breche er entweder das Gesetz Mose oder das Gesetz der Römer, die das Land erobert hatten. Die begannen: „Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?“ Es ist wahr, dass das Gesetz Mose die Steinigung einer solchen Frau befiehlt, denn dafür finden sich Hinweise in Deuteronomium und Levitikus. Aber dieses Gesetz war nun ein toter Buchstabe. Im Grunde sagten sie zu Unserem Herrn: „Du sagt, du kommest von Gott. Wenn du von Gott kommst und das Gesetz Mose von Gott kommt, dann befiehlt, dass diese Frau gesteinigt wird. Lass sie töten.“

Aber das war nur die Hälfte ihrer List. Seit einigen Jahrzehnten, seitdem die Römer die Herrn über ihr Land waren, konnten nur die römischen Autoritäten jemanden zum Tode verurteilen. Wenn Er also die Frau in Übereinstimmung mit dem Gesetz Mose steinigen ließ, würden sie Ihn an Pontius Pilatus verraten, der Ihm vorwerfe würde, das Gesetz Cäsars gebrochen zu haben.

In beiden Fällen glaubten sie, er sei gefangen. Wenn Er die Frau zu Tode steinigen ließ, er des Verrates gegen Cäsar schuldig; wenn er sie freiließ, wäre der Häresie gegen Mose schuldig. Es war eine Art Dilemma von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Wenn Er die Frau verurteilte, war er nicht barmherzig und er behauptete, barmherzig zu sein; wenn er sie gehen ließ, wäre er nicht gerecht, und er behauptete, gerecht zu sein.

Als Antwort auf dieses Dilemma beugte sich Unser Gesegneter Herr nach unten und bewegte seine Finger über den Staub auf dem Tempelboden. Es ist das einzige vermerkte Mal, dass Er in seinem Leben schrieb. Was schrieb Er? Wir wissen nicht, was er schrieb, allerdings wissen wir, dass er sich zweimal nach unten beugte und zweimal etwas in den Staub kritzelte. Es ist unsere Vermutung, dass Er das erste Mal die Sünden der Frau in den Staub schrieb und eine sanfte Brise schien plötzlich aufzukommen, um die Schrift wegzublasen.

Als Er schrieb, blieben sie hartnäckig mit ihren Fragen: „Was sagst du über das Gesetz Mose?“ Er schaute auf und gab ihnen die Antwort: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Er hob nicht das Gesetz Mose auf. Er verlangt nach neuen Geschworenen; Er fragte, ob diese Frau treffenderweise von jenen verurteilt werden konnte, die Gegensünden begangen hatten. Sie hatte zu viel Leidenschaft, ihre Ankläger zu wenig. Sie sündigte wegen exzessiver Liebe, die anderen durch einen Defekt. Neue Scharfrichter wurden für die Mosaische Aufhebung beschworen. Er verkündete, das nur die Unschuldigen das Recht zu verdammen hatten, und Er, der die Unschuld selbst war, würde sie nicht verdammen, weil er eines Tages für sie und für alle anderen Sünder sterben würde.

Als sie Seine Worte hörten, schauten sich die netten Leute an, um zu sehen, ob sich einer traute, zu sagen, er sei keiner Sünde schuldig. Niemand von ihnen ging. Unser Herr beugte sich wieder nach unten und schrieb – und dieses Mal ist es unser Glaube, dass er all die Sünden der netten Leute aufschrieb – die Sünden, die noch nicht herausgefunden worden sind. Als sie ihre Sünden dem öffentlichen Blick offengelegt sahen, begannen sie nacheinander zu gehen, die Ältesten zuerst. Und nur drei waren übrig. Wir können uns vorstellen, wie Unser Herr einen von ihnen mit einem dieser tiefen, durchdringenden Blicke ansah, die dem Urteil vorangehen. Dann schrieb Er im Staub. Dieses Mal gab es keinen Wind, der die Anschuldigung wegblies. Er schrieb: „Dieb.“ Der nette Mann ließ seinen Stein fallen und ging. Den zweiten Pharisäer betrachtend und seine Seele lesend, schrieb er: „Mörder.“ Auch er ließ seinen Stein fallen und ging. Es war nur einer übrig – der jüngste und trotzigste von allen. Er hat bereits den Stein aus der Hand eines Nachbarn genommen und überprüft, ob er schwerer sei als der Stein, den er hatte; dann legte er den leichteren Stein zurück, um den schwereren Stein auf die Frau zu werfen. Unser Herr schaute ihm ins Auge, kannte seine Sünde und schrieb zum dritten Mal: „Ehebrecher.“ Er ließ schnell den Stein fallen und floh.

Nun war nur die Sünderin und Unser Herr übrig: miseria et misericordia, Elend und Barmherzigkeit, mitleiderregend und Mitleid. Er sprach sie mit der Anrede an, die er seiner Mutter in Kana gab und wieder am Kreuze geben wird: „Frau, wo sind sie geblieben?“ Sie sagte: „Sie sind nicht hier, Herr.“ Er antwortete:“ Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“

Er verharmloste nicht ihre Sünde, da es nicht in weiter Zukunft war, dass er dafür am Kreuz zu zahlen hatte. Was er tat, war die netten Leute aufgrund ihrer Sünden zu überführen und zu fragen: „Gibt es keine ungespeisten Armen an ihren Toren, keine unversorgten Kranke und keine unbelehrte Seelen?“ „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ War es nicht ihre eigene Leidenschaftslosigkeit, die für die Leidenschaft der Frau verantwortlich war, ihre eigene Missachtung der Armen die Ursache für ihr Laster? Wie schade, dass diese netten Leute nichts über den Ödipuskomplex wussten. Sie hätten sagen können, ein Mutterkomplex sei an ihrem Verhalten Schuld gewesen. Die netten Leute, von ihrem eigene Gewissen verurteilt, verlassen ihn. Die schrecklichen Leute, durch die Frau symbolisiert, bleiben. Die schrecklichen Leute, die bleiben, ermahnt Er, um nicht nur eine Sünde zu brechen sondern alle.

Die netten Leute finden Gott nicht, weil sie persönliche Schuld verleugnen und somit keinen Erlöser brauchen. Die schrecklichen Leute, die leidenschaftlich, wollüstig, verzerrt, einsam, schwach sind, aber nichtsdestotrotz Versuche zum Guten machen, sind schnell dabei zu verstehen, dass sie die Hilfe eines anderen als sich selbst brauchen; sie können nicht sich selbst an ihren Schnürsenkeln hochheben. Ihre Sünden erschaffen eine Leere. Von diesem Moment heißt es ‚Christus oder nichts‘.

Welche Überraschungen wird es am Letzten Tag geben, wenn die schrecklichen Leute sich im Königreich des Himmels wiederfinden: „Die Dirnen und Zöllner werden das Königreich des Himmels vor den Schriftgelehrten und Pharisäern betreten.“ Die Überraschung wird dreifach sein: erstens, weil wir einige Leute sehen werden, die wir dort nie erwartet haben. Von manchen werden wir sagen: „Wie ist er hierher gekommen? Ehre sei dem Vater, sieh sie an!“ Die zweite Überraschung wird es sein, einige der netten Leute nicht zu sehen, die wir erwartet hatten. Aber diese Überraschungen werden sanft sein, verglichen mit der dritten und größten Überraschung von allen, und das wird die Überraschung sein, dass wir dort sind.

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