Herzlichst, Ihr Fachmagazin für… ja, für wen eigentlich?

Mir soll es heute um zwei kurze Artikel auf ketzerisch.de1 gehen. Eigentlich reicht es, über diese Artikel kommentarlos den Kopf zu schütteln, aber vielleicht kann man doch Gewinn aus einer nähren Betrachtung ziehen. Der erste ist von Dominik Blum und trägt den verheißungsvollen Titel Die Kirche bracht ein Fronleichnam 2.0.

Bevor man sich den Inhalt überhaupt zu Gemüte führt, rollt man schon mit den Augen. Es ist einerseits nicht einfallsreich und andererseits auch einfach verkehrt. Wenn ich etwas mit 2.0 betitle, gehe ich implizit davon aus, dass es von vornherein verbessert werden müsste. Das mag bei Computerprogrammen beispielsweise sinnvoll sein, da diese sich tatsächlich immer neuen Begebenheiten anpassen müssen, liturgische Feste fallen da nicht drunter. Außerdem ruft das kurze Zeit später ohnehin nur den Ruf nach einer Version 2.1 oder 3.0 hervor. Ich meine, es wäre so, als nähme man die Bezeichnung „Neues“ in den Namen einer Musikrichtung auf. Ah…

Dann beschreibt Blum drei Szenen und versucht eine Schlussfolgerung zu ziehen. In der ersten Szene wird von der Tagesschau berichtet, welche etwas ungenau in ihrer Beschreibung von Fronleichnam ist. Was mich jetzt nicht weiter überrascht. Zu meiner Mittelstufenzeit konnten die meisten meiner Mitschüler Weihnachten und Ostern nur mit Ach und Krach unterscheiden und meiner (evangelischen) Religionslehrerin musste ich die Unterschiede zwischen evangelisch und katholisch erklären. Was daran jetzt genau das Umdenken bei unserem Fronleichnamsfest bewirken soll erschließt sich mir nicht.

Die zweite Szene behandelt einen Autofahrer, der nachdenklich den Kopf über eine Fronleichnamsprozession schüttelt. Wer auf die Pointe wartet, wird enttäuscht. Es geht tatsächlich nur um jemanden, der ein wenig von einer katholischen Tradition irritiert ist – und das wäre nicht die einzige.

Die dritte Szene hat ein wenig mehr Inhalt, obwohl uns leider viele Informationen vorenthalten werden. Offensichtlich hatte ein Pfarrer die wahnwitzige Idee etwas von Firmlingen zu erwarten. Spezifisch verlangt er drei (!) – ich möchte das nochmals betonen: ganze DREI – Dinge von ihnen. Erstens sollten sie doch die Sonntagspflicht beachten. Wie kann er nur. Der Witz ist natürlich, dass der Pfarrer hier keinen Anspruch stellt, sondern lediglich feststellt. Ob es den Firmlingen vermittelt wird oder nicht, die Erfüllung der Sonntagspflicht gehört zu den fünf Kirchengeboten und fällt unter die zehn Gebote. Ich weiß, ich weiß. Die meisten Deutschen sehen Menschen, die tatsächlich jeden Sonntag in die Kirche gehen, als traditionelle Katholiban, quasi die Hochleistungskatholiken, aber eigentlich handelt es sich hierbei nur um das Minimum.

Als nächstes hätte der Pfarrer die Jugendlichen an Fronleichnam vermisst. Was ich eben zur Sonntagspflicht schrieb, gilt auch hier. Aber merken wir uns einfach diese Tatsache.

Zuletzt weist der Pfarrer darauf hin, dass man doch zukünftig nicht in kurzen Hosen und knappen T-Shirts in den Gottesdienst kommen solle. Darüber kann man jetzt streiten – vor allem müsste man differenzieren -, interessant ist aber die Schlussfolgerung aus dem ganzen. Nach Blum werde der Pfarrer die angesprochenen Jugendlichen nächstes Jahr nicht mehr sehen. Der geneigte Katholiban kratzt sich verwirrt am Kopf, das hätte er bei Firmlingen als foregone conclusion betrachtet. Zudem: zu was sieht er sie nicht mehr? Fronleichnam haben sie dieses Jahr schon sausen lassen. An den normalen Gottesdienstbesuch muss er sie erinnern. Wovon hat er sie also vergrault.

Das Framing ist übrigens exzellent. Wer nicht darüber nachdenkt, wird schnell in die Irre geführt. Der Pfarrer wende sich laut Blum erst „vor dem Schlusssegen“ an die Firmlinge, „die bis dahin noch gar nicht angesprochen worden sind.“ Was für diktatorisches Bild hier heraufbeschworen wird! Der Pfarrer ignoriert die Jugend – bis er am Ende Forderungen an sie stellt! Wer aber die Heilige Messe kennt, der weiß: so viele Möglichkeiten zur Ansprache hat der Pfarrer gar nicht – denn es geht bei der Messe schließlich um Gottes Handeln. Eigentlich nur bei der Begrüßung am Anfang, bei der Predigt und am Ende, wo er es auch getan hat. Es heißt aber auch, er habe dies nach der Katechese gemacht. Bei uns in der Diaspora liegt die Firmkatechese in der Hand des Pfarrers, im Text steht nicht, dass es hier nicht so war. Hat die direkte Ansprache vielleicht einfach nur gefehlt, weil der Pfarrer mit der Jugend schon die Katechese gemacht hat?

Dann passiert ein Riesenschnitt, ein neuer Tag beginnt, ein neues Buch geöffnet…

Nun, zumindest fühlt es sich so an, denn die Schlussfolgerung will so gar nicht mit den Szenen zusammenfassen. Szene eins und zwei dienen maximal dazu, das Fronleichnamsfest besser erklären zu wollen, was löblich wäre. Die dritte Szene lässt einen über Kleidungs“vorschriften“ und Kommunikation nachdenken, jedoch scheint auch hier keine Änderung des Festes an sich geboten. Doch genau diese wird von Blum propagiert. Die Ausführungen sind bemerkenswert. Denn Fronleichnam habe seinen Ursprung im 13. Jahrhundert und die Feier des Festes stelle das Glaubensverständnis des 19. Jahrhunderts dar. Also kann man problemlos eine Linie zwischen mindestens 600 Jahren Kirchengeschichte ziehen (eigentlich mehr, aber Herr Blum traut sich nicht 20. Jahrhundert zu schreiben, das wäre wieder zu nah), aber die heutigen fallen davon. Ich frage einfach mal süffisant: Wer oder was muss sich dann wirklich reformieren?

Der Verbesserungsvorschlag ist nicht schlecht – aber auch erstaunlich kurzsichtig. Seine Idee: Anstelle der Prozession wird das Allerheiligste auf dem Altar ausgesetzt. Klingt das bekannt? Naiverweise hätte ich das ja Eucharistische Anbetung genannt. Die sollte es aber nicht nur einmal im Jahr sondern im Idealfall regelmäßig, ja täglich, stattfinden. Hier soll nicht nur etwas Altes als Neues verkauft werden. Wer dem Autor wirklich Böses unterstellen möchte, würde sagen, er versuchte auf perfide Weise die Eucharistische Anbetung zu marginalisieren, sodass wir sie nur noch zu Fronleichnam bekommen würden.

Widmen wir uns aber Angenehmeren – nein, Spaß, es geht weiter mit einem weiteren Artikel dieser Seite, dieses mal vom Chef persönlich, Herrn Björn Odendahl: Der Papst hat den deutschen Katholiken keinen Gefallen getan.

Ich möchte nur zwei Aspekte beleuchten, bei denen Odendahl einfach hofft, dass die Leser blöd sind. Für folgenden Satz hätte er eine deftige Ohrfeige verdient: „Für die anderen ist der Weg dagegen schon beendet, bevor er angefangen hat, wenn Franziskus anmahnt, sich nicht von der Weltkirch zu trennen oder gleich fünf Mal den Begriff „Sensus Ecclesia“ (Glaubenssinn der Kirche), aber nicht einmal den „Sensus fidei“ (Glaubenssinn der Gläubigen) nennt.“

Erlauben Sie, lieber Leser, sich den Spaß und googeln mal „Sensus ecclesiae“. Dann wählen Sie den Fund bei Kathpedia. Wo werden sie hingeschickt? Zum „Sensus fidelium“. Denn das eine schließt das andere nicht aus. Die Kirche besteht nicht nur aus den Klerikern, alle Gläubigen fallen darunter; und die Priester sind genauso Gläubige wie die Laien. Ist es nicht faszinierend, wie gerade jene, die am lautesten gegen Klerikalimus schreien, nicht umhin können, in genau diesen Mustern zu denken? Über die Hybris für jede eigene schwachmatische Idee den sensus fidelium zu beanspruchen möchte ich mich nun wirklich nicht äußern.2

Man mag jetzt fragen: Warum regt dich so ein kleiner Punkt auf? Ganz einfach: Wenn mir so etwas passiert (zwei identische Begriffe in Opposition zu stellen, wodurch Ressentiments geweckt werden), dann ist das ebenso. Meine Autorität bei der Darstellung des Katholischen, ja die Autorität eines jeden privaten Blogs, basiert rein auf Mundpropaganda. Wenn andere feststellen, dass ich treffend über den Katholizismus schreibe, dann, und nur dann, verlassen sich auch andere darauf. Aber bei jemanden, der Chef des offiziellen Portals der katholischen Kirche in Deutschland ist, der hat gefälligst einen anderen Standard zu befolgen. Entweder er wusste, dass er Blödsinn schreibt. Dann muss er in böswilliger Absicht geschrieben haben. Oder er wusste es nicht. Dann ist er inkompetent und hat zumindest grob fahrlässig ein völlig falsches Bild von Papst, Kirche und Lehre verbreitet. Mit eine Satz. Das ist ja auch irgendwie beachtlich (und mal ehrlich, die Recherche dauert keine Minute).

Der zweite Punkt ist lediglich eine klassische Projektion. Er wirft dem Papst vor, er spiele Liturgie und Diakonie gegeneinander aus, da er zwar die kirchlichen Krankenhäuser und Sozialeinrichtungen lobe, aber eine Erosion des Glaubens an schlecht besuchten Gottesdienst festmache. Nun, zu aller erst ist das Quatsch. Mitnichten beschränkt sich der Papst auf den rückgängigen Gottesdienstbesuch (obwohl das Teil ist), vielmehr weist er auch darauf hin, dass die Sakramente allgemein weniger in Anspruch genommen werden und eine kulturelle bzw. soziale Prägung durch die Kirche rückgängig sei. Wer will das bestreiten? Das Glaubenswissen der Deutschen ist desolat, die Beichte wird nur von Exoten besucht. Odendahl ist es, der Liturgie und Diakonie gegeneinander ausspielt. Anstatt auf den Vorwurf einzugehen, reagiert er so, als habe der Papst gesagt, man solle die Krankenhäuser und die Caritas schließen.

Dass er versucht, das ganze als „Bestandsaufnahme aus der Ferne“ zu diskreditieren, kann ebenso wenig überzeugen, denn Odendahl kann mir nicht erzählen, dass er bei einem inländischen Bischof anders reagiert hätte.

1„häretisch“ soll man ja nicht mehr sagen. Haben die Leute ja auch Recht, ketzerisch ist ein schon genuin deutsches Wort. Wobei mich interessieren würde, wie die Herrschaften auf die Bezeichnung heterodox reagieren würden. Kann das jemand mal auf Facebook ausprobieren?

2Wenn jemand dies jedoch gerne mit Mehrheiten gleichsetzt, habe ich ein schönes Rechenbeispiel, bei dem den meisten deutschen Katholiken wahrscheinlich schlecht wird: Deutschland hat 83.019.200 Einwohner, wovon 28,9 % katholisch sind, das mach 23.992.548 Katholiken. Polen hat 38.427.000 Einwohner, aber davon sind 87 % katholisch – das ergibt 33.431.490 Katholiken. Wenn es also tatsächlich um Mehrheiten geht, dann können sich die Deutschen schön hinten anstellen und von den Polen belehrt werden.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: